Das Projekt "Kinder philosophieren" – eine kritische Würdigung
1 Einleitung
"Wer früher philosophiert ist länger weise" (Akademie Kinder philosophieren 2009, Dokumentationsfilm). Wie wäre es also, wenn das Philosophieren mit Kindern fester Bestandteil der Bildung im frühkindlichen Bereich wäre? In dieser Arbeit möchte ich für die Philosophie, unter Anerkennung der mannigfaltigen Fähigkeiten der Kinder, als anzuerkennendes Bildungsprinzip im vorschulischen Bereich plädieren. Ich beziehe mich hierbei auf ein konkretes Projekt, das sich auf die Umsetzung des Philosophierens mit Kindern in Bildungseinrichtungen spezialisiert hat. Projekte wie dieses sind in Deutschland vereinzelt bereits vorhanden, meist aber nicht sehr bekannt und verbreitet. Kinder Philosophieren ist ein recht anerkanntes, etabliertes, sowie, wenn auch eher im regionalen Kontext, gut vernetztes Projekt, welches ich in dieser Arbeit vorstellen möchte.
Welcher Bedeutung dem Philosophieren mit Kindern in der heutigen Gesellschaft zukommt, zum Beispiel bei Fragen nach Ethik ("Frage nach dem guten und richtigen Handeln", Brockhaus Philosophie 2004), Sinn und Gerechtigkeit, soll auch Thema dieser Arbeit sein, verdeutlicht dies doch die Möglichkeiten und Sinnhaftigkeit dieser Methode.
Eine philosophische Einheit, im Sinne des Projektes Kinder Philosophieren soll als Fallbeispiel dienen und die Lern- und Lehrmöglichkeiten durch Beschreibungen aus dem Berliner Bildungsprogramm aufzeigen. Ob, und wie das Philosophieren es den Kindern ermöglicht, sich in einer komplexen Welt, mit sich immer schneller verändernden Anforderungen orientieren zu können, soll untersucht werden.
In der Literatur zur Philosophie mit Kindern, beziehen sich die meisten gängigen Autoren auf das Philosophieren im Schulalter (Martens 2007, Fröhlich 2004, Matthews 1996). Der Leitfaden der Akademie Kinder philosophieren hingegen ist stark praxisorientiert und bezieht sich auch auf Vorschulkinder, weshalb viele Inhalte dieser Arbeit an diesen angelehnt sind. Da ich selbst in der Praxis die Umsetzung dieses Projektes erfahren konnte und es als eine äußerst wertvolle Ergänzung im Bildungsbereich befinde, möchte ich durch das Aufgreifen der Inhalte des Berliner Bildungsprogramms eine Brücke zur Berliner Bildungslandschaft schlagen. Es bleibt jedoch bei einem Ansatz eines Vergleiches, da es nicht Inhalt dieser Arbeit sein soll, das Bildungsprogramm und das Projekt Kinder philosophieren im Detail gegenüberzustellen.
1.1 Persönliche Motivation
Während meiner Arbeit in einem dreisprachigen Kindergarten in Peking, China, habe ich das erste Mal vom Philosophieren mit Kindern gehört. Was philosophieren genau sei, und wie dies mit Kindern umzusetzen wäre, konnte ich mir nur schwer vorstellen. Nach der In-Haus-Schulung durch die Akademie Kinder philosophieren habe ich einen genaueren Eindruck bekommen, muss aber zugeben, dass die Vorbehalte, ob dies wirklich funktionieren könne, recht groß waren. Umso erstaunlicher waren dann die immer wieder aufkommenden Momente in den Philosophierunden, in denen die Kinder spannende, reflektierte und weitdenkende Redebeiträge einbrachten, die oft meine Erwartungen übertrafen. Je öfter wir philosophierten, desto mehr wurde mir die Vielfältigkeit der Methode des Philosophierens bewusst. Ich beobachtete, dass sich die Redekultur auch außerhalb der philosophischen Runde veränderte (einander zuhören, sich auf die anderen beziehen, weiterfragen). Ich wollte genauer wissen, inwieweit es eine Bereicherung für die Lebens- und Lernwelt der Kinder sein kann, wenn sie philosophierten. Was passiert eigentlich, wenn wir gemeinsam philosophieren? Welche Prozesse können durchs Philosophieren in den Kindern ausgelöst werden und vor allem, wie wichtig kann dies für die zukünftige Gesellschaft und somit die Zukunft der Kinder sein?
1.2 Eingrenzung des Betrachtungsrahmens
Bei der Frage, was das Philosophieren mit Kindern kann, beziehe ich mich immer wieder auf die Ergebnisse aus dem Leitfaden des Projektes Kinder philosophieren, da ich selbst in diesem Rahmen das Philosophieren mit Kindern gelernt habe, somit deren praktische Umsetzung kenne und es für eine sehr relevante Methode im Feld des Philosophierens mit Kindern halte. Da das Berliner Bildungsprogramm sich auf den vorschulischen Bereich bezieht und die meiste Literatur zum Philosophieren mit Kindern genau diesen Bereich nicht beachtet (s.o.), möchte ich nun alle Aufmerksamkeit auf das Philosophieren in der Kindertagesstätte legen. Dieser Bereich wird wiederum durch die kognitiven Fähigkeiten der Kinder eingegrenzt. Wenn Weisheit ein Wissen aufbauend auf Erfahrung ist (siehe unten), kann ein Kind, im Zuge der natürlichen Amnesie der frühen Kindheit (vgl. Siegel 1999), nicht vor dem dritten Lebensalter philosophieren. Auch die Sprachkompetenz bedingt die Ausdrucksmöglichkeiten beim Philosophieren. Um das vierte Lebensjahr herum, halte ich folglich das Philosophieren mit Kindern für möglich und sinnvoll. In dieser Arbeit geht es also um Kinder im Alter von 4 Jahren bis zum Alter des Schuleintritts. Da das Philosophieren mit den Kindern mit fortgeschrittenem Entwicklungsstand immer andere Formen annehmen und komplexer werden kann, bietet die Methode im Schulbereich andere Umsetzungsmöglichkeiten und damit einhergehend vielfältigere und weiterreichende Lernerfahrungen als im vorschulischen Bereich, auf welche in dieser Arbeit aber nicht weiter eingegangen werden soll.


