René Magritte – Dies ist keine Pfeife

Bild von tm
DruckversionAls E-Mail senden

Dieser Text wendet sich nicht an Kinder. Er stellt Informationen für Kinderphilosophinnen und -philosophen zur Verfügung, regt Fragestellungen zum Philosophieren mit Kindern (und Jugendlichen) an und schlägt eine Richtung vor, in die sich das Nachdenken über Bilder als Zeichen vorantreiben und ein vertieftes Verständnis anbahnen lässt. Die Gestaltung einer altersgerechten (Unterrichts-) Einheit will und kann er nicht ersetzen.

  1. Zum Künstler
  2. Zum Bild 
  3. Kleiner Exkurs zur Entwicklung von Kinderzeichnungen 
  4. Fragen zu Magrittes Bild (und Bildern im Allgemeinen) 
  5. Zur Philosophie des Bildes

Zum Künstler

René Magritte (1898–1967) wird gewöhnlich dem Surrealismus zugeschlagen – eine Zuordnung, die in mancher Hinsicht irreführend ist. Die Verunsicherung unserer Wahrnehmung, unserer Denk- und Sehgewohnheiten, auf die der Surrealismus zielt (und zu deren Zweck er gern auf Träume, Visionen, Fantastisches zurückgreift), erreicht Magritte in den meisten seiner Werke mit eher realistischen und manchmal betont unoriginellen, vormodernen malerischen Mitteln. Er konfrontiert uns selten mit dem Überwirklichen, bedient sich lieber des Wirklichen, des Alltäglichen und bringt die uns vertrauten Dinge in rätselhafte, sie verfremdende, mitunter physikalisch unmögliche Zusammenhänge. "Ich bemühe mich, das Vertraute ins Fremdartige zurückzuversetzen", sagt Magritte in einem Interview 1960. Er liebt das Paradox, stellt unseren Möglichkeitssinn auf die Probe und provoziert dabei Fragen, die weniger auf unser Erfahrungswissen als auf unser Begriffsverständnis zielen. Wenn er einmal hervorhebt, er male, "um eine Wahrheit aufzuzeigen", dann spricht er nicht von Tatsachen, von Informationen, die er uns zur Kenntnis bringen will, sondern von einem Verständnis, das er für fragwürdig, für korrekturbedürftig hält, und er spart zumindest in einigen seiner Bilder nicht mit Fingerzeigen auf jenes Verständnis, das ihm angemessener, "wahrer" erscheint. Man hat Magritte darum als "malenden Denker" und seine Werke als "Denkbilder" bezeichnet, und sofern es überhaupt möglich ist, malend zu philosophieren, ist Magritte gewiss ein Philosoph unter den Malern. Was das malende Philosophieren oder philosophierende Malen betrifft, äußert Magritte sich widersprüchlich: Während er einerseits schreibt, die Kunst des Malens sei eine Kunst des Denkens, und er wolle unseren Blick "denken" machen, erklärt er andererseits, die Malerei sei ungeeignet zum Ausdruck von Gedanken; sehr wohl indes könne sie Gedanken inspirieren.

Einige der Bilder Magrittes eignen sich besonders gut zum Philosophieren mit Kindern, manche davon dürften motivisch und malerisch sogar attraktiver sein als das hier ausgewählte. Keines allerdings hat Philosophen und Kunsttheoretiker so sehr beschäftigt wie Ceci n'est pas une pipe:

Zum Bild

Magritte hat gleich mehrere (mindestens vier) Fassungen des Bildes gemalt (in großem zeitlichen Abstand und mit wichtigen Unterschieden im Detail). Der oben abgebildeten (ursprünglichen) Fassung wurden in der Literatur mindestens drei verschiedene Titel zugeschrieben. So firmiert das Bild oft unter dem Titel Der Verrat der Bilder, aber auch unter den Titeln Dies ist keine Pfeife und Der Sprachgebrauch I. Es ist mit Öl auf Leinwand gemalt und misst beachtliche 81 x 60 cm. Nebenbei: Aus dem Jahr 1964 stammt ein thematisch identisches Bild von Magritte mit dem Titel "Dies ist kein Apfel" (das man alternativ bei kleineren Kindern, die noch nie eine Pfeife gesehen haben, verwenden könnte).

Warum ist Ceci n'est pas une pipe berühmt? Gewiss nicht, weil uns das Bild durch Anmut und Schönheit berührt oder durch handwerkliche Perfektion beeindruckt. Seine beiden ins Auge fallenden Figuren scheinen vielmehr so reiz- wie belanglos zu sein, und die biedere, etwas bemüht wirkende Art der Darstellung unterstreicht diese vordergründige Belanglosigkeit: eine Pfeife, wie man sie auf einem Werbeplakat der 1920er Jahre hätte finden können (das Bild entstand 1928/29, Magritte verdiente seinen Lebensunterhalt in den Jahren zuvor u.a. als Reklamemaler), eine steife, leicht verschnörkelte Schönschrift mit penibel gesetzten Punkten.

Das Bild verdankt seinen Ruhm natürlich der Provokation, und die Provokation liegt im Text begründet: Dies ist keine Pfeife (wobei wir das dies – oder besser: dies hier – ganz selbstverständlich auf die Abbildung der Pfeife beziehen, nicht etwa auf den Text selbst oder das Gemälde als Ganzes). Was denn sonst, möchte man entgegnen.

Bereits der Text als solcher stellt eine Regelverletzung dar, denn traditionell (zumindest seit der frühen Neuzeit) hatten Texte in Gemälden nichts zu suchen. Texte gehören als Titel unter, über oder neben ein Bild, nicht darauf, es sei denn, sie sind Teil des Motivs (etwa bei einem Straßenschild). Und als Titel haben sie gefälligst zu erklären, was ein Bild darstellt, nicht, was es nicht darstellt. (Dass es etwas darstellt, setzen wir voraus – um nichts darzustellen, bräuchte es schließlich kein Bild – oder?) Der kommentierende Text in Magrittes Bild scheint eine natürliche Gattungsgrenze zu verletzen, die Grenze zwischen Malerei und Literatur, Bild und Schrift. Sofern wir uns nicht näher mit Philosophie, moderner Malerei oder einer speziellen Bildwissenschaft befassen, denken wir über Bilder wahrscheinlich in etwa folgender Weise:

Ein Bild zeigt uns etwas, ist eine Abbildung von etwas; und wir erkennen, was es abbildet, weil die Abbildung dem Abgebildeten ähnelt. Was das Bild bedeutet, bedeutet es darum auf natürliche Weise. Wir verstehen es (aufgrund seiner Ähnlichkeit) spontan. Ganz anders der geschriebene Text. Er setzt sich aus willkürlichen Zeichen zusammen, die erst durch komplizierte Vereinbarungen eine Bedeutung erhalten. Wer einen Text verstehen will, muss diese Vereinbarungen verstanden haben, muss mindestens lesen können. Bilder sprechen gleichsam eine natürliche Sprache, Texte eine künstliche. Bilder erschließen sich uns in der Regel unmittelbar (in unserem Erleben), Texte wenden sich an unseren Verstand, setzen einen aufwendigen Lernprozess voraus und bedürfen der Deutung.