Gedankenspiele

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Philosophiebücher für Kinder gibt es viele. Aber nur wenigen gelingt es, Kinder jenseits aller Belehrung und Erbauung zum Denken anzustiften. Mit Gedankenspiele. Philosophie für Kinder, ihrem ersten Buch, scheint das Liza Haglund geglückt zu sein.

Liza Haglund lebt in Stockholm, hat dort theoretische Philosophie und Wissenschaftstheorie studiert und beschäftigt sich als Philosophin unter anderem mit Verfahren der Analyse und Interpretation kommunikativer Handlungen. Mehr über ihre Arbeit verrät die Website der Södertörn Universität in Stockholm.

Die 192 kleinformatigen Seiten der Gedankenspiele wenden sich an aufgeweckte Leserinnen und Leser ab zehn. An diesem Alter orientieren sich ihre Themen, aber mehr noch deren Darstellungstiefe und -form. So erfahren wir zunächst nur sehr ungefähr, was Philosophie denn überhaupt sei: ein Nachdenken, erklärt uns die Autorin, das den Dingen auf den Grund zu gehen versucht – bevorzugt solchen Dingen, die wir für wahr und ganz selbstverständlich halten. Mehr an Erklärung wäre vielleicht schon zu viel, gehört es doch zu den Handikaps der Philosophie, dass jede genauere Bestimmung ihrer Ziele und Methoden bereits eine ganze Menge an Philosophie voraussetzen muss. Immerhin lassen sich aus Haglunds Definition zwei bemerkenswerte Schlüsse ziehen: (1) Philosophen beschäftigen sich nicht nur und nicht in erster Linie mit Philosophen (eine Feststellung, die der Realität der Hochschulphilosophie flagrant widerspricht und sich darum als Appell auffassen lässt). (2) Philosophie widmet sich weder übersinnlichen Spekulationen noch ausschließlich dem, was bildungssprachlich "letzte Dinge" heißt und so bedeutungsschwere Themen wie Tod, Lebenssinn oder Gott einschließt. Vielmehr nimmt die Philosophie auch und mit Vorliebe unseren Alltag aufs Korn und mit ihm die vielen Behauptungen und Ratschläge, mit denen Journalisten, Politiker oder Experten uns diesen Alltag via Medien bereichern. Philosophie ist also nicht einfach nur Denken – das kann schließlich auch beim Schachspielen oder bei der Urlaubsplanung passieren –, Philosophie ist kritisches Denken. Und weil, wie Haglund betont, Denken etwas mit Tun zu tun hat, verfolgt Philosophie letztlich auch immer den unbescheidenen Anspruch, die Dinge – unser Leben, die Politik, die Welt – zu verändern. Möglichst zum Besseren, versteht sich. Ein Anspruch, der uns in und zwischen den Zeilen der Gedankenspiele immer wieder begegnet.

So versammeln sich in den 35 kleinen Kapiteln zwar fast alle unumgänglichen Themen der Philosophie – darunter Gerechtigkeit, Verantwortung, Identität, Freiheit, Zeit, Wissen und Wahrheit, Schein und Sein, Sinn und Bedeutung –; keines von ihnen kommt aber akademisch, dem Leben enthoben daher. Als Einstieg zum Identitätskapitel dient beispielsweise der uns allen vertraute Rat: "Sei einfach du selbst?" – als handelte es sich dabei um die Lösung und nicht vielmehr um das Problem. Haglund wartet nicht mit besseren Ratschlägen (schon gar nicht mit ausschweifenden Theorien) auf. Sie verkneift sich das Belehren, so weit das geht, und begnügt sich damit, kluge Fragen zu stellen. Oft verpackt sie diese in Gedankenexperimente oder skizziert konfliktgeladene Alltagssituationen, die sich durch philosophisches Fragen klären, manchmal vielleicht auch lösen lassen. Dabei wird den kleinen und größeren Lesern nicht selten bewusst, dass die Empfehlungen, Behauptungen und Unterstellungen der Erwachsenen (auch solcher, die sich vor Kameras oder in Büchern äußern) nicht immer auf einem überlegenen Wissen beruhen, und dass die eigenen Verständnis- und Lebensprobleme nicht nur die eigenen sind.

Der Titel des Buchs Gedankenspiele lässt sich leicht missverstehen: Erwartungsfrohe Leser werden nicht mit kurzweiligen Preisrätseln und Spielideen beglückt. Viele der Fragen, die Haglund aufwirft, zählen zu dem, was man gemeinhin – den Zeigefinger erhoben – als Ernst des Lebens bezeichnet. Darf man Menschen zu ihrem eigenen Besten zwingen? Ist abzustimmen immer gerecht? Ist es in Ordnung, Tiere zu essen? Woher weiß ich, dass ich was weiß und nicht nur glaube? Ist Gewalt immer schlecht? Hat es einen Sinn zu leben? ... Ernste Fragen, gewiss, aber die Form, in der Haglund sie stellt – als fantasievolle Gedankenexperimente, als verwirrende Paradoxien oder in Gestalt kleiner Episoden, die an kindliche Erfahrungen oder bekannte Kinderbücher anknüpfen –, lassen sie rätselhaft und geheimnisvoll klingen, und der Versuch ihrer Lösung kann sich zum gedanklichen Abenteuer auswachsen. Nie erliegt die Autorin der Versuchung, die Welt, insbesondere die der Kinder, weich zu zeichnen – als blieben Kinder von Gewalt und Gemeinheit, von Krankheit und Tod verschont, oder als gelte es, sie durch Schweigen zu schonen. Der spielerische Charakter auch eines für das wirkliche Leben bedeutsamen Denkens ergibt sich aus der Situation, in der es geschieht. Spiel und Ernst schließen einander nicht aus, schon gar nicht für Kinder. Gerade spielerisch lassen sich die wirklich wichtigen Dinge denken. So hat es seinen Sinn, wenn Haglund ihre Gedankenexperimente als Gedankenspiele bezeichnet. Ein Beispiel:

Angenommen, du bist zwölf Jahre alt und mit deinen Freunden zusammen auf der Straße. Ihr findet ein teures Handy und beschließt, es nicht bei der Polizei abzugeben. Thomas verkauft es einem Jungen in der Stadt und ihr teilt euch das Geld.

Nach mehreren Jahren ruft ein Polizist bei euch an, der sagt, er wisse, dass du Geld für ein gestohlenes Handy angenommen hast.

"Das ist doch schon so lange her, damals war ich erst zwölf. Heute bin ich ein völlig anderer Mensch", versuchst du zu argumentieren. "Tja", entgegnet der Polizist, "aber du bist es doch gewesen oder?"

Wie lange, findest du, sollte man für Handlungen der Vergangenheit verantwortlich gemacht werden können?

Spielerisch ist auch ein klassisches Gedankenexperiment, das das ganze Buch durchzieht und unbegrenzt Raum für Fantasie und Gedanken eröffnet: die ferne Insel, auf der man sich einzurichten, mit Eingeborenen zu verständigen, eigene Regeln für das Zusammenleben zu vereinbaren und Konflikte zu lösen hat.

Sehr wünschenswert wäre, wenn das spielerische Denken nicht auf einer einsamem Insel geschähe, sondern mehrere Kinder miteinander am Buch entlang denken würden. Und wenn Eltern die Zeit und den Mut aufbrächten, sich zusammen mit ihren Kindern aufs Nachdenken einzulassen – auf ein Nachdenken, das mangels bequemer Antworten riskant ist, bei dem es aber nur vordergründig mehr zu verlieren als zu gewinnen gibt.