Das Freundschaftsverständnis von Kindern

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In psychologischen Studien zur Entwicklung des Freundschaftsverständnisses von Kindern steckt eine Menge Philosophie. Umgekehrt können solche Studien aber auch das philosophische (begriffliche) Verständnis der Freundschaft bereichern und unser Bewusstsein für praktisch bedeutsame Unterscheidungen schärfen. Im Blick auf das Philosophieren mit Kindern über Freundschaft kann die Kenntnis der entwicklungsbedingten Grenzen kindlicher Freundschaftsbegriffe vor übertriebenen Erwartungen und einer Überforderung der Kinder bewahren und helfen, die richtigen Fragen zu stellen. Dieser Text fasst entwicklungspsychologische Forschungen zum Freundschaftsverständnis zusammen und konzentriert sich dabei auf ihre ethischen und sozialkognitiven Aspekte. 

  1. Wozu Freunde?
  2. Moralische und sozialkognitive Aspekte der Freundschaft 
  3. Das Kind als Freundschaftsphilosoph (Entwicklungsstufen) 
  4. Selmans Freundschaftsdilemma
  5. Freundschaft und Moral (Entwicklungsstufen)
  6. Interkulturelle Unterschiede im Freundschaftsverständnis
  7. Literatur

Wozu Freunde?

Freundschaft gehört aus gutem Grund zu den bevorzugten, motivierendsten Themen beim Philosophieren mit Kindern. Ginge es allein nach ihnen, bestünde kein Zweifel: Freundschaft ist nicht nur für die Großen eine wichtige Sache, sie beschäftigt auch schon die Kleinen und Kleinsten. In sozialpsychologischen Befragungen betont eine große Mehrheit jüngerer wie älterer Kinder, dass Freunde in ihrem Leben einen herausragenden Stellenwert haben. Nach den Eltern rangieren sie unter allen sozialen Beziehungen an zweiter Stelle (vor den Geschwistern), und ihre Bedeutung nimmt mit dem Alter der Kinder noch zu. In deren Wahrnehmung vermitteln Freundschaften Gemeinschaft, Zugehörigkeit, Wertschätzung und persönliche Anerkennung. Darüber hinaus bieten sie eine Grundlage für verschiedene Formen der Unterstützung in schwierigen Situationen und stärken so Gefühle der Sicherheit und Zuversicht. Mitunter müssen Freunde den Kindern an Aufmerksamkeit, Halt und Orientierung ersetzen, was ihnen Erwachsene vorenthalten. So kann es nicht verwundern, dass Freundschaften zwischen Kindern positiv mit deren körperlichem und psychischem Wohlbefinden, negativ mit psychosomatischen Beschwerden sowie depressiven und suizidalen Tendenzen korrelieren.

Damit ist ihre Bedeutung für die Entwicklung der Kinder aber allererst angedeutet. Freundschaften sind (zumindest In westlichen Gesellschaften) vergleichsweise individualisierte, sozial wenig normierte Beziehungen. Sie werden freiwillig initiiert und eingegangen (bei kleineren Kindern oft mit Unterstützung der Eltern) und verlangen von den Kindern Engagement und Eigenständigkeit bei ihrer Gestaltung. Weil Freundschaften die grundsätzliche Gleichrangigkeit der Freunde verlangen, müssen gegenseitige Erwartungen und Verpflichtungen ausgehandelt und, unter Wahrung der jeweiligen Interessen und Gerechtigkeitsvorstellungen, vereinbart werden. Darin unterscheiden sich Freundschaften grundlegend von Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern, die letztlich immer durch asymmetrische Autorität und Verantwortung gekennzeichnet sind (bzw. sein sollten). In der Freundschaft liegen darum nach Überzeugung vieler Entwicklungspsychologen die Wurzeln einer autonomen Moral.

Auch die Art der Konflikte, die zwischen Freunden auftreten, unterscheidet sich von der zwischen Eltern und Kindern. Gewöhnlich sind es die Freunde, die Konflikte interpretieren und lösen oder auch mit ungelösten Konflikten umgehen müssen. Gemeinsam finden sie Regeln, die Konflikte vermeiden helfen, die aber selbst Anlass für Konflikte sein können. Die Einhaltung der zwischen Freunden vereinbarten Regeln ist Aufgabe und Leistung jedes einzelnen Kindes. Bei einem Verstoß ist die Art der Ahndung oder des Ausgleichs ebenso möglicher Gegenstand von Verhandlungen wie die Frage, was wofür als Entschuldigung gilt. Beides, das Aushandeln von Regeln und das Sanktionieren von Verstößen, geschieht bei älteren Kindern im Hinblick auf eine längerfristige, als in sich wertvoll empfundene Beziehung und nicht allein zum Zweck einer zeitweiligen, interessegesteuerten Kooperation. Freundschaften bieten darum wertvolle Gelegenheiten zur Einübung von Verantwortung und Selbständigkeit in dauerhaften sozialen Beziehungen (dies dort um so mehr, wo Kinder ohne Geschwister aufwachsen). Sie vermitteln also neben einem positiven Selbstkonzept auch soziale Kompetenzen von kaum zu überschätzendem Wert.

Damit Kinder Freundschaft schließen und die Freundschaft vertiefen und stabilisieren können, müssen eine ganze Reihe situativer Bedingungen (wie räumliche Nähe, genügend Zeit, Unterstützung seitens der Eltern usw.) erfüllt sein. Es müssen aber auch Kompetenzen auf Seiten der Kinder gegeben sein, deren Entwicklung stark abhängt von der Qualität der familialen Beziehungen und der Verfügbarkeit von Vorbildern, insbesondere Vorbildern in der Welt der Erwachsenen (Uhlendorff 1995). Eltern und Pädagogen wirken nicht allein durch ihr eigenes Freundschaftsverhalten, sie wirken auch durch ihre Unterstützung in Situationen der Anbahnung von Freundschaften und in Fällen des Konflikts zwischen Freunden. Kinderfreundschaften können von qualifizierten Interventionen der Erwachsenen profitieren, und sie profitieren auch vom kompetenten Dialog über Freundschaft im Allgemeinen wie insbesondere im Fall des Konflikts.